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Vom Soldaten zum Professor: Kompetenzen aus der Bundeswehr – Prof. Erich Heumüller im Interview, Teil 2

Prof. Dr. Erich Heumüller ist seit 2019 Professor für Wirtschaftsinformatik und Leiter des Zentrums für Digitale Transformation an der staatlichen Hochschule DHBW Stuttgart. Davor war er unter anderem als Wissenschaftler, IT-Führungskraft im Öffentlichen Dienst sowie als Senior Consultant tätig.

Prof. Heumüller hat uns ein zweiteiliges Interview gegeben. Wir freuen uns sehr, Ihnen heute den zweiten Teil zum Thema „Vom Soldat zum Professor: Kompetenzen aus der Bundeswehr“ zu präsentieren. Den ersten Teil „Kompetenzprofile und Ausbildung in der digitalen Transformation“ können Sie hier nachlesen.


Herr Prof. Heumüller, Sie selbst sind zunächst Soldat gewesen. Wo haben Sie Erfahrungen in der Informatik in der Bundeswehr gesammelt?

Ich selbst habe großes Glück in meinem militärischen Werdegang gehabt. Bereits vor meinem Studium war ich in einer IT-Abteilung tätig, die nahezu sämtliche IT-Service- und Administrationsprozesse für einen Standort mit über 900 Nutzern erbrachte.

Dort habe ich vielfältige Einblicke in das IT-Servicemanagement erhalten, vom Erstellen eines IT-Sicherheitskonzeptes einer militärischen Liegenschaft mit unterschiedlichen Schutzbedarfen bis hin zur Organisation eines Support Level-Konzeptes oder der Einführung von Prozessen nach ITIL.

Während des Studiums hatte ich die Gelegenheit, ein Praktikum als auch meine Diplomarbeit in großen IT-Unternehmen zu absolvieren. Nach meinem Studium war ich im Grunde IT-Projektleiter mit einem Team in einem multinationalen, experimentellen Umfeld am Zentrum für Transformation der Bundeswehr.

Das war für mich eine sehr spannende Zeit, weil wir IT-Services unter sehr herausfordernden Rahmenbedingungen (zum Beispiel auf einem Truppenübungsplatz mit sehr wenig IT-Infrastruktur) bei gleichzeitig hohen Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen agil erbringen mussten.

Wie war Ihre Ausbildung innerhalb der Bundeswehr?

Ich bin noch ein Heeresoffizier „alter Bauart“. Das heißt, ich durchlief drei Jahre lang die klassische Offiziersausbildung mit den entsprechenden Führungsverwendungen, bevor ich zur Universität nach München beziehungsweise Neubiberg kam.

Rückblickend erachte ich diese Ausbildung als sehr wertvoll, da ich sehr früh aus der Komfortzone geholt wurde und neben den rein militär-fachlichen Qualifikationen für meine militärischen Verwendungen sehr viele methodische, soziale und personale Kompetenzen aufgebaut habe, die mich heute noch prägen.

Unabhängig von der militärfachlichen (ob nun Fernmelder oder Logistiker) oder universitären Spezialisierung (Betriebswirt oder Sportwissenschaftler) wurde in der Ausbildung Wert auf eine solide Allgemeinbildung, insbesondere in den Bereichen Gesellschaft, Politik oder Geschichte gelegt. Eine solche spezielle Führungskräfteausbildung finden Sie im Zivilen kaum bis gar nicht.

Inwieweit gab es Fördermöglichkeiten für die Karriere nach dem Dienstzeitende?

Auch nach dem Studium bietet die Bundeswehr – nicht nur für Offiziere – permanent Weiterbildungen und Schulungen an, die mit zivilen Weiterbildungsangeboten konkurrenzfähig sind. Und zum Ende der Bundeswehrzeit hat man mit dem Berufsförderungsdienst ein Programm geschaffen, das eine weitere Qualifizierungsmöglichkeit schafft.

In der Regel runden viele Offiziere ihr Studium, das sie während der Dienstzeit abschlossen, mit einem MBA oder einen vertiefenden Zweitstudium ab, was sich sicherlich nicht negativ auf die jeweilige Bewerbungslage auswirkt.

Was war das Auffälligste, als Sie die Bundeswehr verlassen haben?

… dass ich keine Uniform mehr trug und grüßen durfte, ohne die Hand zu heben. Ehrlicherweise war für mich der Übergang nicht so extrem, da ich die letzten Jahre als Offizier wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr in München war.

Unterschätzt habe ich allerdings, wie stark das Netzwerk der ehemaligen Offiziere ist. Oft kannte ich Ansprechpartner gar nicht persönlich und die Kontakte wurden mir entweder nur von Bekannten weitergegeben oder von Netzwerkplattformen vorgeschlagen.

Der Austausch war aber immer sehr offen, ehrlich und es wurde nicht um den heißen Brei geredet. Das half mir in der Bewerbungsphase und auch später bei den Projekten in der Beratung – man tickt einfach ähnlich.

Vieles, was für Offiziere Wesensmerkmal ist, ist jetzt [bei Beratungen] eine Stärke – zum Beispiel Entscheidungsfindung.

Prof. Erich Heumüller

Wie war Ihr Einstieg in die Beratung, was konnten Sie aus ihrer Bundeswehrzeit nutzen, was mussten Sie dazu lernen?

Es gibt Beratungen, die können mit dem Profil eines Offiziers wenig anfangen und versuchen dann entsprechende Kandidaten mit dem ihnen bekannten Profil zu bewerten, was nicht immer leicht ist. So versteht unter Belastungsgrenze oder Auslandsaufenthalt ein Offizier einfach etwas anderes als ein MBA-Absolvent.

Ich hatte Glück und ein Beratungsunternehmen gefunden, was wirklich verstehen wollte, was ich in meiner Bundeswehrzeit gemacht habe. Dabei musste ich beispielsweise lernen, dass in der Bundeswehr typische Begrifflichkeiten im Zivilen unüblich sind. Zum Beispiel wird im Zivilen keiner „verwendet“, sondern dort gibt es Jobpositionen.

Lernen musste ich aber vor allem im Bereich so genannte Soft Skills: Schwächen (egal ob eigene oder fremde) werden entweder nicht oder wenn, dann nach bestimmten Methoden angesprochen. Vieles, was für Offiziere Wesensmerkmal ist, ist jetzt eine Stärke – zum Beispiel Entscheidungsfindung. Auch in der Außendarstellung, was in der Beratung sehr wichtig ist, war ich als Offizier mehr Demut gewohnt.

Hilfreich war auf alle Fälle, dass ich es gewohnt war, Situationen zu beurteilen und zu strukturieren (Was ist der Auftrag? Was brauche ich dafür? Wer macht was bis wann?) oder Dinge zu präsentieren und klar anzusprechen, was insbesondere in der Beratung sehr hilfreich ist.

Der Einstieg war demzufolge für mich sehr angenehm, weil ich mich schnell auf neue Situationen – wie es auch in der Beratung üblich ist – einstellen konnte.

Welche Unterschiede bestehen innerhalb der Digitalisierung zwischen Bundeswehr und Privatwirtschaft?

Im Wesentlichen ist die Bundeswehr diesbezüglich auch nur eine Behörde, aber mit besonderen Anforderungen. Hinsichtlich der Digitalisierung werden die Unterschiede also ähnlich sein, wie zwischen Behörde und Privatwirtschaft.

Die Besonderheiten sind unter anderem natürlich der sehr hohe Schutzbedarf und entsprechende Sicherheitsstandards sowie die hohe Heterogenität und damit verbundene architekturielle Komplexität, die sich aus den spezifischen Bedarfen der Organisationsbereiche und Dienststellen bis hin zu unterschiedlichen Waffensystemen ergibt.

Die geringe Beschaffungsflexibilität aufgrund vertraglicher Rahmenbedingungen ist sicherlich nicht bundeswehrspezifisch.

Für eine genaue Beurteilung, wie gut die Digitalisierung gelingt oder wie gut die Bundeswehr im Vergleich zu anderen Behörden oder Streitkräften dasteht, fehlen mir allerdings die Einblicke, da ich dafür schon zu lange raus bin beziehungsweise zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter natürlich nur eine sehr spezielle Sicht auf die Organisation hatte.

Was raten Sie der Bundeswehr im Zuge der digitalen Transformation?

Ich habe hier nur einen sehr eingeschränkten Blickwinkel. Ich denke, die Bundeswehr sollte noch konsequenter die eigenen organisationalen Kompetenzen und hier speziell zum Beispiel die der Bundeswehruniversitäten nutzen, um Innovationen entwickeln, bewerten und gegebenenfalls nutzen zu können.

Zudem sollte die Bundeswehr die Wissensprofile ihrer Soldaten bewusster identifizieren und nutzen. Sie können zum Beispiel eine Promotion zu Künstlicher Intelligenz abgeschlossen haben ohne, dass es Auswirkungen auf ihre weitere Karriereplanung hat.

Auch die Verbindung zu ehemaligen Soldaten und deren Wissensprofilen sollte genutzt werden. Alumniveranstaltungen finden zumeist nur aufgrund persönlichen Engagements und häufig von den ehemaligen Soldaten ausgehend statt. Hier verspielt die Bundeswehr meines Erachtens viele Stärken und Investitionen, die in die Ausbildung der Soldaten getätigt wurden.

Herr Prof. Heumüller, vielen Dank für das Interview.


Über den Interviewpartner:

Prof. Dr. Erich Heumüller ist seit 2019 Leiter des Zentrums für Digitale Transformation (ZDT) an der DHBW in Stuttgart. Er lehrt und forscht unter anderem über Digitale Transformation, digitale Ökosysteme und Plattformen, Prozessautomatisierung und RPA und agiles Projektmanagement. Zuvor unterstützte er Unternehmen und Institutionen als Unternehmensberater in den Bereichen Digitalisierungsstrategie, IT-Organisation und Geschäftsprozesse. Gemeinsam mit seinen Klienten bewertete er technologische Innovationen und ihr Einsatzpotential für bestehende Geschäftsmodelle und unterstützte auch bei der Technologieadoption.


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Bild: Erich Heumüller