Interview

Digitalisierung in Deutschland: Wirtschaft und Wissenschaft im Zusammenspiel, Helge Nuhn im Interview

Die Digitalisierung in Deutschland erfordert eine engere Verzahnung unterschiedlicher Akteure aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Neben technologischen Aspekten kommen auch systemische Fragen zur Geltung.

Prof. Dr. Helge Nuhn verantwortet den Masterstudiengang „Digital Transformation Management“ an der Wilhelm Büchner Hochschule. Seine Studierenden kommen aus Verwaltung und Privatunternehmen.

Im Interview mit Cyforwards berichtet er, wie er Lehre und seine Beratungserfahrungen verbindet. Dabei gibt er einen Ausblick auf die Anforderungen an den Karriereweg in der Digitalisierung.

Der Experte arbeitete nach dem Studium der Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt zunächst als Berater für Horváth & Partners, PwC und KPMG. Parallel promovierte er an der European Business School.

Prof. Nuhn ist Leiter der Fachgruppe Agile Management der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e.V. und Mitglied der Gesellschaft für Informatik (GI e.V.).


Herr Nuhn, wie definieren Sie „Digital Business Engineering“?

Der Gedanke der Professur Digital Business Engineering ist vor allem im Kontext des Fachbereichs, in dem ich tätig bin, zu verstehen. Der Fachbereich heißt „Wirtschaftsingenieurwesen und Technologiemanagement“. Da ich an einer Hochschule mit technischem Fokus tätig bin, sind die Betrachtungen oft fokussiert auf die technischen, ingenieurmäßigen Belange – das Engineering eben.

Wirtschaftsingenieurwesen betrachtet zudem die wirtschaftliche Seite. Sie spielt in Zeiten der Digitalisierung eine immer integralere Rolle. Ingenieurwesen und Wirtschaft kommen näher zueinander, weil sich die Geschäftsmodelle enger aneinander lehnen. Man spricht dann von Verbundwertschöpfung. Dem Umstand wird durch Digital Business Engineering Rechnung getragen.

Digital, weil es maßgeblich durch die Digitalisierung beeinflusst ist.

Business, weil es um die wirtschaftliche Tätigkeit geht, u.a. um Profitabilität und um ganz neue Geschäftsmodelle.

Im Zusammenhang Business Engineering geht es um die planvolle Gestaltung digitaler Geschäftsmodelle und innerbetrieblicher Abläufe sowie Strukturen.

Welche Rolle messen Sie der Beratung in Verbindung mit der Hochschullehre bei?

Wissen nutzt nur dann, wenn es weiter getragen wird.

Aus diesem Grund bin ich sehr gerne an einer Fachhochschule. Dort ist der Transfer zwischen Wissenschaft, Technik und Anwendung konkreter. Nun kommt dazu, dass für wirtschaftliche Entscheidungen immer eine Grundexpertise technischer Natur notwendig sein muss.

So werden Wissensbereiche miteinander verbunden, die zudem von schneller werdenden technologischen Zyklen geprägt werden.

Als Berater ist also wichtig, sowohl bei den technischen Neuerungen als auch bei den typischen Belangen der Praxis auf dem Laufenden zu bleiben. Dies gelingt ganz gut, wenn man in beiden Bereichen seine Fühler noch ausgestreckt hat.

Wo ist Beratung in der Digitalisierung derzeit besonders gefordert?

Das kommt natürlich darauf an, welche Organisation man gerade betrachtet. Bedarfe können grundsätzlich an jedem Punkt entlang der Wertschöpfungskette auftauchen. Sehr häufig betrifft es technische Aspekte, weil sich die diese Belange sehr schnell erneuern.

Es genügt schon, wenn unterschiedliche Entwickler auf unterschiedliche Frameworks setzen wollen. Deshalb wandern grundlegende Entscheidungsbedarfe häufig und schnell „nach oben“. Dort werden sie mitunter „politisch“, aber technisch gut entschieden.

Diese Dialoge moderierend zu begleiten ist ein wichtiger Aspekt von Beratung, der in letzter Zeit häufiger auftritt. Da mit ihm sehr wirkmächtige, grundlegende Entscheidungen getroffen werden, ist es auch sinnvoll, ihm viele Ressourcen zu widmen.

Zeitgleich sollte nicht aus dem Auge verloren werden, dass eine schnell und effizient getroffene Entscheidung wichtiger als eine zu spät, aber präziser getroffene Entscheidung sein kann. Berater helfen, diese Abwägung durchzuführen.

Sie kennen die öffentliche Verwaltung mit ihren Zwängen zur Digitalisierung und die Privatwirtschaft: Wo liegen die Unterschiede?

Gerade in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die öffentliche Verwaltung nicht mehr überall hinterherhinkt.

Es gibt offenbar Umsetzungsschwierigkeiten. Diese sind oft sehr breitenwirksam und spürbar. Wie beispielsweise die Digitalisierung in der schulischen Bildung.

Aber große Programme der öffentlichen Hand, die sich mit Digitalisierung auf breiter Front beschäftigen, sind fundiert aufgestellt, so wie das Onlinezugangsgesetz. Leider ist die öffentliche Verwaltung mit ihrer bürokratischen Anforderungen komplexer als ein Konzern.

Zwar sind agile Methoden in der Anwendung in der öffentlichen Hand mittlerweile auch üblich. Aber die allgemeinen Strukturen erfordern eben auch Zeit und Ressourcen.

Sie betreuen Studenten sowohl aus der Privatwirtschaft als auch aus der öffentlichen Verwaltung. Sind Unterschiede in den Themen zu erkennen, die die Studierenden beschäftigen?

Tatsächlich sind die Studierenden, die ich betreue fast alle berufstätig, die meisten auf Vollzeitstellen. Sie schätzen die Flexibilität des Fernstudiums, in dem ich Professor bin. Und sie kommen aus den beiden angesprochenen Bereichen. Sehr häufig bringen sie Themen ein, die sich um Prozesse und Organisation drehen. Das gilt für beide Privatwirtschaft und Verwaltung gleichermaßen.

Erkennbar verwischen sich die Grenzen und Interessenslagen zu anderen Studiengängen. Es geht nicht nur um Technik, sondern um Technik im Bezug zur Anwendung in einem organisatorischen Kontext.

Man könnte meinen, dass in der öffentlichen Verwaltung die betriebswirtschaftliche Seite weniger zur Geltung kommt – aber das ist nicht so.

Auch erkenne ich nicht, dass Studierende aus der Verwaltung weniger „moderne“ Themen in Abschlussarbeiten wählen. Studierende in öffentlichen Stellen bearbeiten auch Thema wie KI oder Machine Learning. In Spezialbereichen differierte es vielleicht. Dazu zählt zum Beispiel die empirische Prozesskontrolle in industriellen Kontexten.

Was raten Sie Ihren Studierenden, um erfolgreich die Digitalisierung zu gestalten?

Digitalisierung hat aufgrund ihrer Eigenschaften eine besondere Dynamik. Sie ist stets integrativ zu betrachten und bindet viele Stakeholder mit ein. Viel schneller als dies vormals der Fall war.

Es ist daher wichtig, stets in Abhängigkeiten zum organisatorischen und sozialen System zu denken. Allerdings ist die Lehre noch nicht dort angekommen, wo an dieser Stelle neue Bedarfe entstehen. In der Zwischenzeit ist es für Studierende wichtiger als zuvor, für sich selbst einzuordnen, welche Kompetenzen sie benötigen und welche sie dabei außen vor lassen können.

Technische Experten sollten sich in Soft Skills und betriebswirtschaftlichen Themen bilden. Es schadet nicht, sich mit Phänomenen zu beschäftigen, die soziale Systeme und ihre Dynamiken betreffen. Aktuellste Forschung, zu der meine Studierenden Zugang haben, greifen diese Themen auf. Da lohnt es sich, sich auch mal ungerichtet durch wissenschaftliche Veröffentlichungen „treiben zu lassen“.

Nur wer einen breiten Blick auf potentiell wichtige Themen und Aspekte eines Problems hat, kann als guter Teamplayer in der Digitalisierung agieren. Ich erkläre meine Studierenden, dass Digitalisierung eine Teamaufgabe ist. Diese sollen sie anerkennen und leben.

Welche Trends in der Lehre bestimmen die nächsten Jahre?

Tatsächlich wird sich hier eine Parallele ergeben zwischen privatwirtschaftlichen Organisationen, Verwaltung und Hochschullehre. Inhalte werden modularer und kleiner. Lernen wird universeller und in kleineren Dosen viel üblicher, um beim lebenslangem Lernen zu unterstützen. Lernformate werden sich anpassen und sie werden vielfältiger. Wissen wird in vielen verschiedenen Kanälen zur Verfügung gestellt.

Für den Lernenden wird die Sache damit im Einzelfall gegebenenfalls leichter, weil er sich die Art und Weise aussuchen kann, wie er Kompetenz effizient erwirbt. Auf der anderen Seite wird es schwerer, weil der Überblick fehlt und das Angebot zu groß ist. Lehrende werden sich dann mehr als Lotsen durch Wissensgebiete sehen. Lehrende als reine Wissensvermittler und Gestalter bzw. Aufbereiter von Wissen verlieren an Relevanz.

Damit verändert sich das Profil, Didaktik wird ggf. woanders gestaltet, also wo und wie Lehre durchgeführt wird. Das betrifft auch und vor allem die Weiterbildung in Betrieben und der Verwaltung.

Herr Nuhn, vielen Dank für das Interview.


Bild: selbst


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