Transportation & Mobility

Mobility-Hubs als „Gamechanger“ urbaner Mobilität? Marcel Philipp im Interview

Deutschland tut sich schwer mit der Verkehrswende. Besonders spürbar ist das in den großen Ballungsräumen, in denen Mobilität auf engstem Raum klimaneutral, ressourcenschonend, individuell, effizient und digital vernetzt sein soll.

Die Fragestellungen lauten: Welche sind die größten Herausforderungen urbaner Mobilität? Wie gelingt eine Etablierung bedarfsorientierter Mobility as a Service-Angebote? Und welche Rolle spielt dabei das Konzept der Mobility-Hubs?

Marcel Philipp war bis zum Jahr 2020 Oberbürgermeister der Stadt Aachen und ist heute CEO des Aachener Mobilitätskonzeptentwicklers e.Mobility.Hub. Mit ihm haben wir uns über diese und weitere Themen unterhalten.


Herr Philipp, welche Rolle spielte Mobilität in Ihrer Zeit als Stadtoberhaupt?

An unseren Hochschulen wurde zu dieser Zeit die Forschung und Entwicklung von Elektromobilitätslösungen vorangetrieben.

Das war eine großartige Chance, neue Arbeitsplätze zu schaffen und zugleich den Bürger:innen zu vermitteln, dass die Wissenschaft entscheidende Beiträge zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen liefern kann. Als Hochschulstandort haben wir von dieser Entwicklung sehr profitiert.

Ihr Ausstieg aus der Politik war Ihr Einstieg in die Privatwirtschaft. Welche Idee steckt hinter Ihrem Unternehmens-Slogan Neue Mobilität. Individuell. Multimodal. Nachhaltig.?

Auch vor meiner Zeit als Oberbürgermeister war ich Geschäftsführer eines Unternehmens, nur die Branche habe ich gewechselt. Mobilität hat mich immer beschäftigt, und in der Kommunalpolitik kommt alles zusammen: Die Rolle der öffentlichen Hand, die mit dem Linienverkehr auf den starken Achsen das Rückgrat bildet, die Stimmen der Unternehmen, die gut erreichbare Standorte benötigen und die Wünsche der Bürger, die individuell und flexibel unterwegs sein möchten.

Dies alles mit den Anforderungen des Klimaschutzes zu kombinieren ist eine Herausforderung, zu dessen Bewältigung ich einen Beitrag leisten möchte.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die urbane Mobilität der Zukunft?

Wenn wir für jeden Zweck immer das passende Verkehrsmittel verwenden würden, dann wäre bereits die Hälfte der Mobilitätswende geschafft. Mobility as a Service ist dabei die zwingende Voraussetzung, damit ein breites Angebot verschiedener Verkehrsmittel verfügbar ist.

Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass wir uns wie selbstverständlich jeden Tag auf derselben Strecke mit denselben Menschen im Stau treffen und es normal finden, dabei allein in einem oft viel zu großen Auto zu sitzen. Das ist maximal ineffizient.

Um das zu ändern, bedarf es sowohl einer neuen Infrastruktur für multimodale Angebote als auch einer Veränderung unserer Einstellung zu Mobilität und Ressourcenverbrauch.

Wo stehen wir bei der physischen und digitalen Vernetzung von Mobilitätsangeboten für die Bürger:innen?

Bei der digitalen Vernetzung gibt es große Fortschritte, weil viele privatwirtschaftliche Akteure eigene Lösungen auf den Weg bringen. Ich glaube, dass es am Ende auch nicht die eine alles umfassende Buchungs-App geben wird, sondern dass die Vielfalt des Angebotes notwendig ist, weil die Bedarfe der Menschen unterschiedlich sind.

Bei der Schaffung von multimodalen Knotenpunkten kommen wir dagegen sehr viel langsamer voran, weil es hier nicht ohne die öffentliche Hand geht. Die Vernetzung von ÖPNV-Angeboten und Mobility as a Service ist sehr komplex, denn gemeinsam muss ein Angebot auf die Straße gebracht werden, das in der Lage ist, mit allen Vorteilen eines ständig verfügbaren eigenen Pkw zu konkurrieren.

Welchen Beitrag können Mobility-Hubs dazu leisten?

Mobility-Hubs sind neben der Schaffung digitaler Plattformen die entscheidende Voraussetzung, um effizient und bequem multimodal unterwegs sein zu können.

Ein einzelner Hub kann dabei noch nicht viel bewegen, es muss immer ein Netz von Mobility-Hubs in einer Stadt und der umliegenden Region entstehen. In Quartieren geht es dabei vorrangig um Standorte für Sharing-Angebote, konzentrierte Parkflächen und Lademanagement.

An Unternehmensstandorten wird eine Kombination zwischen dem Pendlerverkehr und betrieblicher Mobilität benötigt. Hier spielen Corporate Shuttle-Lösungen eine große Rolle. Und am Stadtrand werden bequeme Transfermöglichkeiten gebraucht, um möglichst gebündelt die letzte Meile bewältigen zu können und damit den Flächenbedarf in engen Innenstädten reduzieren zu können.

Welche Rolle spielt dabei das Umsteigen?

Der Wechsel des Verkehrsmittels ist immer möglichst angenehm und nahtlos zu gestalten, also mit kurzen Wegen, gutem Service und hoher Aufenthaltsqualität. Wenn das nicht gelingt, dann fällt die individuelle Wahl doch wieder auf die Nutzung des eigenen Pkw, in dem man es sich bequem macht.

Was kann Mobilität beitragen, um Nordrhein-Westfalen zur ersten klimaneutralen Industrieregion Europas machen?

Im Mobilitätssektor sind wir sehr weit davon entfernt, die angestrebten Klimaschutzziele zu erreichen. Vorangetrieben werden immer nur die Radverkehrsförderung und die ÖPNV-Förderung. Beides ist wichtig, aber es bleibt ein großer Rest, der damit nicht lösbar ist.

Das Fahrrad ist nicht für jeden Menschen und für jede Strecke bei jedem Wetter nutzbar. Der ÖPNV wiederum kann im ländlichen Raum, wo die Pendler herkommen, die die tägliche Spitzenstunde im Verkehr bilden, nicht so individuell unterwegs sein, wie es dem Bedarf der Menschen entspricht.

Welche Anreize sollte es für Menschen geben, die ohne Auto nicht mobil sein können, weil sie z.B. auf dem Land wohnen?

Bei diesem verbleibenden Rest der Verkehrsteilnehmer, die „auf ihr Auto angewiesen sind“, wird es auf den richtigen Mix aus Push- und Pull-Faktoren ankommen.

Als Mobilitätsdienstleister sind wir dabei nicht für die Verbote, sondern für die Angebote zuständig. Die Politik wäre gut beraten, möglichst viele neue Angebote, die Individualität und Ressourcenschonung miteinander verbinden, aktiv zu unterstützen, denn nur mit Verboten wird die Akzeptanz für den dringend notwendigen Klimaschutz nicht aufrecht zu erhalten sein.

Der aus meiner Sicht wichtigste Bereich ist die Ergänzung des ÖPNV um Shuttle-Systeme, sowohl im Pendlerverkehr als auch in der Zubringerfunktion auf der ersten und letzten Meile. Dort, wo es keine starken Achsen des ÖPNV gibt, muss die Bündelung in kleineren Einheiten aktiv unterstützt werden.

Wie könnte Mobilität in einer Großstadt wie Aachen im Jahr 2040 aussehen?

Wir werden weiterhin Autos besitzen, aber wir setzen sie intelligenter ein. Planbare Fahrten auf Strecken, die zeitgleich auch von vielen anderen genutzt werden, werden vorrangig gemeinsam absolviert. Wir werden als Passagiere in elektrischen Shuttle-Fahrzeugen unsere Zeit zum Arbeiten oder zum Eintauchen in die Welt des Metaverse nutzen.

Viele Letzte-Meile-Verbindungen werden bis dahin entlang der Straßen mit der Technik ausgestattet sein, die einen sicheren fahrerlosen Verkehr erlaubt. Unsere Innenstadt wird keine Dauerstellplätze am Straßenrand mehr haben, diese Funktion ist in Parkhäusern, Quartiergaragen und Mobility-Hubs gebündelt.

Stattdessen wird überall ein breites Angebot an Mobilitätsdienstleistungen verfügbar sein, das uns immer das richtige Fahrzeug für den richtigen Zweck zur Verfügung stellt. Den gewonnenen Platz nutzen wir für großzügigere Fußwege und für eine neue Aufenthaltsqualität.

Und welche Bedeutung werden Mobility-Hubs haben?

Die ganze Region hat bis zum Jahr 2040 ein gemeinsames Netz von Mobility-Hubs aufgebaut, die nicht nur zum Umstieg von einem Verkehrsmittel in ein anderes genutzt werden, sondern in denen ein Vielzahl von Dienstleistungen angeboten werden, die unseren Alltag erleichtern.

Sowohl die Orte, an denen wir arbeiten, als auch die Orte, an denen wir unseren Einkauf erledigen, werden vielfältig dezentral und mobil sein.

Herr Philipp, ich danke Ihnen herzlich für unser Gespräch.


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Bild: eigenes