Interview

Digitalisierung in Deutschland seit der Jahrtausendwende, Martin Schallbruch im Interview

Aktuell nimmt die Digitalisierung in Deutschland Fahrt auf. Einer der ersten, der auf Regierungsseite bei der „neuzeitlichen“ Modernisierung der Verwaltung dabei war, ist Professor Martin Schallbruch. Im Interview berichtet er über die Anfänge und die Entwicklungen bis heute.

Hier ist der 1. Teil.


Herr Schallbruch, blicken wir zunächst zur Jahrtausendwende zurück: Wie war der Start in die Digitalisierung des Bundes?

Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung hat im Grunde weit vor dem Jahr 2000 begonnen. Der Einsatz von IT in der Rentenversicherung, im Meldewesen oder bei der Polizei reicht bis in die späten sechziger Jahre zurück.

Zur Jahrtausendwende existierten in praktisch allen Bereichen der öffentlichen Verwaltung bereits Fachverfahren, also IT-Systeme, die auf die jeweiligen Fachaufgaben zugeschnitten waren. Ab 2000 kam die Bereitstellung staatlicher Internet-Leistungen auf die Agenda. Ab 2001 wurde mit BundOnline 2005 versucht, die Dienstleistungen der Bundesverwaltung sukzessive online bereitzustellen.

Oftmals waren das sehr spezielle technische Lösungen, um bestimmte Leistungen im Internet nutzen zu können; eine Integration mit den Fachverfahren gab es häufig noch nicht. Je intensiver versucht wurde, durchgängige digitale Bearbeitung von Verwaltungsangelegenheiten zu implementieren, desto stärker stellte sich auch die große Heterogenität der IT des Bundes als Hemmschuh heraus. Die Konsolidierung der IT kam als neue Aufgabe hinzu.

Welche Kompetenzen mussten Ihre Mitarbeitenden und Sie damals in die Projekte einbringen?

Die Umsetzung der frühen Digitalisierungsprojekte war für die Behörden des Bundes eine große Herausforderung. Völlig neue Kompetenzen waren gefordert, die in der Bundesverwaltung noch nicht vorhanden oder nicht verbreitet waren: Projektarbeit, Zusammenwirken von Recht, Organisation und Technik, Einbindung externen Sachverstandes. Hinzu kam die Notwendigkeit, durch eine gute Binnenkommunikation die Beschäftigten des Bundes für die Digitalisierung zu gewinnen.

Daher gab es in den ersten Jahren große Zweifel und Sorgen, was die Bereitstellung von Verwaltungsleistungen über das Internet für die Organisationen bedeuten würde, für Arbeitsbelastung und Arbeitsinhalte, für Personal- und Sachhaushalte, für die Rechtmäßigkeit und Nachvollziehbarkeit des Verwaltungshandelns.

Wie wirkte sich das auf Mitarbeitende in der Verwaltung aus?

Ich habe die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser Zeit in einem Wechselbad der Stimmungen erlebt: einerseits Aufbruchstimmung, eine Verwaltung, die über das Internet auf völlig neuartige Weise mit den Bürgerinnen und Bürgern kommuniziert.

Andererseits Frustration über die vielen „Knüppel“, die den Projekten intern zwischen die Beine geworfen wurden: Haushalts- und Vergaberecht, Restriktionen des Fachrechts, mangelnde Ressourcen.

Sie haben früh Fragen der Cybersicherheit aufgeworfen: Wo hat sich Deutschland entwickelt?

Deutschland ist bei der Cybersicherheit recht früh und gut gestartet. Die frühe Gründung und stetige Erweiterung des BSI ist ein Beispiel. Unsere Schritte zum Schutz der kritischen Infrastrukturen, vom UP-KRITS bis zum IT-Sicherheitsgesetz können sich im internationalen Vergleich gut sehen lassen.

In den USA wird derzeit über Verpflichtungen zur IT-Sicherheit kritischer Infrastrukturen und Meldepflichten diskutiert, die wir schon seit 2015 umgesetzt haben. Auch die Sensibilität der Wirtschaft und der Öffentlichkeit für Cybersicherheitsthemen ist vergleichsweise gut.

Aber – und das ist ein großes Aber – Cybersicherheit ist ein „moving target“. Die Komplexität der IT-Anwendungen, ihre Vernetzung, die mangelnde Basissicherheit digitaler Produkte, unsere Abhängigkeit von ihnen – all das zusammen führt leider dazu, dass wir trotz aller Bemühungen der Cybersicherheit ein Stück weit hinterherlaufen.

Die derzeitige Verletzlichkeit von Unternehmen und Behörden für Ransomware-Attacken zeigt das deutlich. Insofern: Wir müssen noch weit mehr tun – bei der Produktsicherheit, aber auch in Behörden und Unternehmen.

Herr Schallbruch, vielen Dank für das Interview.


Zum 2. Teil des Interviews


Über den Interviewpartner:

Martin Schallbruch studierte Informatik, Rechts- und Sozialwissenschaften. Nach einer Zeit als Wissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin trat er 1998 in den Dienst der Bundesregierung ein.

2002 wurde er IT-Direktor des Bundesministeriums des Innern; später leitete er dort die Abteilung für Informationstechnik, Digitale Gesellschaft und Cybersicherheit.

Seit 2016 war er zunächst stellvertretender Direktor, seit 2020 ist er Direktor des Digital Society Institute der ESMT Berlin. Dort forscht er zu Fragen der Digitalisierungsstrategien, der Cybersicherheit und der Regulierung im Cyberraum.

2018/2019 war Schallbruch Visiting Fellow an der Hoover Institution, Stanford University. Er ist Autor der Bücher „Schwacher Staat im Netz“ und „Cybersecurity in Germany“ sowie Herausgeber des „Praxishandbuch IT-Sicherheitsrecht“.


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Mit ihrem Leadership Advisory-Modell berät Cyforwards Unternehmen in Transformationsprozessen bei der Kompetenzmessung und -steigerung.  
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Bild: eigenes