Healthcare

Deutschlands Gesundheitssektor: Ein langer Weg zur Digitalisierung, Interview Volker Nürnberg

„E-Health – Digitalisierung im Gesundheitswesen“ so lautet die Überschrift auf der zentralen Landingpage des Bundesministeriums für Gesundheit. Die dort angestrebten Ziele und Maßnahmen sollen bis 2025 erreicht und umgesetzt werden. Aber wo steht der Gesundheitssektor der Bundesrepublik aktuell in Fragen der Digitalisierung?

Wir fragen nach bei „Gesundheitspapst“ Prof. Dr. Volker Nürnberg.

Seit 2017 ist der Experte Partner im Fachbereich Gesundheitswirtschaft bei einer der größten der Prüf- und Beratungsgesellschaften, BDO. Daneben lehrt er, auch international, an verschiedenen Hochschulen (u.a. Hochschule Allensbach und TU München) und ist in diversen Vereinigungen und Aufsichtsräten. 2019 erhielt er u.a. einen Digitalisierungspreis des Gesundheitsministers und wurde 2021 zu den 40 wichtigsten HR-Köpfen Deutschlands gewählt.

Im Interview spricht er über die Digitalisierung im Gesundheitssektor sowie die Entwicklung am Standort Deutschland.


Herr Prof. Nürnberg, warum haben Sie Ihren Fokus auf den Gesundheitssektor gelegt?

1989 nach dem Abitur mussten die Männer noch Bundeswehr oder Zivildienst absolvieren. Ich entschied mich für 16 Monate Grundpflege am Patienten im örtlichen Krankenhaus zu machen. Die Arbeit mit Menschen bereitete mir so viel Freude, dass ich das ganze Studium dort weiter jobbte.

Es waren für mich lehrreiche und spannende Zeiten: Einer unserer ersten Patienten war Wolfgang Schäuble nach dem Attentat. Und die Rahmenbedingungen änderten sich dramatisch, z.B. durch die Einführung des neuen Patientenklassifikationssystems, der DRGs.

Was sind die aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen?

Die dringendste Aufgabe ist natürlich die Pandemie. Denn es wird nicht die letzte Pandemie gewesen sein. Globalisierung und Migration sorgen für die schnelle Verbreitung von Erregern etc. Darüber hinaus gibt es strukturelle Probleme in der gesamten Sozialversicherung.

Das Verhältnis zwischen Einzahlern und Leistungsempfängern stimmt nicht mehr. Durch den demographischen Wandel – Deutschland hat eine extrem niedrige Geburtenrate – haben wir immer weniger Berufstätige, die die Rentner mit finanzieren müssen.

Die Ausgaben im Gesundheitswesen steigen durch Demographie und technischen Fortschritt immer weiter. Dazu kommt, dass die Sozialversicherung von der Konjunktur abhängig ist. Hier besteht Reformbedarf. Es ist noch nicht klar, wie eine Versorgung auf dem heutigen Niveau sichergestellt werden kann.

Wie steht es um die Digitalisierung des Gesundheitswesens?

Leider ist Deutschland in der Digitalisierung, insbesondere des Gesundheitswesens international eher ein Entwicklungsland. In einem Europäischen Ranking sind wir auf dem zweitletzten Platz gelandet.

Hier ist großer Nachholbedarf. Dieser umfasst alle Bereiche, sowohl die Kostenträger als auch die Leistungserbringer. Insgesamt sind dringende Investitionen im zweistelligen Milliardenbereich notwendig

Wie kann man diesen Prozess im Gesundheitssektor anstoßen?

Das deutsche Gesundheitswesen ist das Regulierteste der Welt. Deshalb muss der Gesetzgeber den Takt für die Digitalisierung vorgeben und entsprechende Initiativen starten und Vorgaben machen. Die letzte Regierung hat hier schon einiges auf den Weg gebracht, dies gilt es fortzusetzen.

Als Beispiel dafür seien die „Digitale Gesundheitsanwendungen“ (DiGA) – „App auf Rezept“ – genannt. Eigentlich eine gut gemeinte Idee, allerdings in der Umsetzung noch nicht ausgereift. Hier muss nachjustiert werden.

Der kostenintensivste Bereich sind ja die Krankenhäuser…?

Auch hier wurde mit dem Krankenhauszukunftsgesetz ein guter Vorstoß gemacht. Es gibt erhebliche Fördermittel für die Hospitäler. Man darf die Häuser damit aber nicht allein lassen. Der Anteil der IT-Ausgaben der Krankenhäuser an den Gesamtausgaben wird sich in den nächsten zehn Jahren mindestens verdreifachen.

Den Krankenhäusern mangelt es aber an Know-How, Personal und Infrastruktur für die Umsetzung. Also brauchen sie Unterstützung von Beratungshäusern. Die entsprechenden Fördermittel stehen bereit.

Wie profitiert der Patient von der Digitalisierung im Gesundheitssektor?

Nehmen wir zum Beispiel den ländlichen Raum, insbesondere in Ostdeutschland. Hier ist zum einen eine Abwanderung der Bevölkerung und damit einhergehend auch ein Pflegekräftemangel und Ärztemangel zu verzeichnen. Es wird zu Schließungen von stationären Einrichtungen kommen.

Dies muss telemedizinisch kompensiert werden. Ein erheblicher Teil der Krankheitsbilder kann fernmedizinisch therapiert werden. Damit können geographische und fachliche Lücken geschlossen werden.

Es werden perspektivisch auch die großen amerikanischen Player den Deutschen Gesundheitsmarkt erobern. Zum Beispiel wird Amazon Versandapotheke, Fernbehandler und wahrscheinlich auch Versicherer werden.

Hierauf muss sich der deutsche Gesundheitsmarkt einstellen.

Prof. Nürnberg, vielen Dank für das Gespräch.


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Bild: privat

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