Interview

Die Öffentliche Verwaltung braucht eine klare Datenstrategie! Günther Tschabuschnig im Interview

Günther Tschabuschnig ist österreichischer Informatiker, Förderer der europäischen Open-Data-Bewegung und Spezialist für die Wertschöpfung aus Big Data.

Im Interview mit Cyforwards plädiert er für eine Datenstrategie für die Öffentliche Verwaltung, die Schaffung eines europäischen Datenbewusstseins und der dazugehörigen Datensouveränität.


Herr Tschabuschnig, wo kann eine klare Datenstrategie für die öffentliche Verwaltung in Deutschland helfen?

Der nahezu unendliche Rohstoff der Digitalisierung und in Besonderen der Artificial Intelligence sind Daten. Damit diese Daten ihr Potenzial für den Einsatz entfalten können, müssen sie verbunden, angereichert und verfügbar gemacht werden.

Erst durch einen übergreifenden Austausch von Daten lassen sich innovative Datendienste realisieren, die durch die Vernetzung mehrerer Akteure ermöglicht werden.

Dieses System wird von den meisten amerikanischen Hyperscalern schon bereits seit Jahren gewinnbringend praktiziert. Es entstehen digitale Ökosysteme, in dem die Mitglieder des Systems in der Lage sind, ihr Wohl zu optimieren.

Das Ökosystem profitiert erst durch die Beteiligung jedes einzelnen Mitglieds am Austausch der Ressource »Daten«. Um all diese Stakeholder bestmöglich orchestrieren zu können, bedarf es einer gut durchdachte und klare Datenstrategie.

2019 wurden bereits die “Eckpunkte einer Datenstrategie der Bundesregierung” festgelegt. Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der Verwaltungsdigitalisierung hinsichtlich der Datenstrategie?

Eine Datenstrategie macht noch kein erfolgreiches Date Driven Development. Dazu benötig es mehr. Dezentralisierung und gleichzeitig Federation, d.h. die Daten bei den Erzeugern zu belassen und im gleichen Atemzug auch verbinden zu können. Datensouveränität, also die Hoheit über die Daten zu behalten, sind Eckpunkte die noch komplett fehlen.

Da und dort werden bereits erste „Data Hubs“ in Kommunen oder Regionen etabliert. Das „Big Picture“ fehlt aber. Daten hören auch nicht einfach bei Landes- oder Bundesgrenzen auf. Ein Zusammenspiel im Europäischen Rahmen wird unabdingbar.

Welche inhaltlichen, prozessualen und technischen Voraussetzungen müssen für ein „Ökosystem der Daten“ neu geschaffen werden?

Ökosysteme sind nichts neues. In einem der ältesten Ökosysteme – dem Ökosystem Wald – existieren verschiedenste Akteure aus der Pflanzen- und Tierwelt, welche erst durch ihr Zusammenspiel ein gesundes Ökosystem bilden. Sind solche Beispiele denn auch auf die digitale Welt anwendbar? Ist dies ein Vorbild für komplexe Wertschöpfungsstrukturen in Datenräumen?

So wie es in der Natur gelingen muss, einen Ausgleich zwischen den Interessen aller Teilnehmer des Ökosystems zu schaffen, gilt es auch in einer Datenwelt, die Interessen aller Akteure bestmöglich zu wahren.

Einfach ausgedrückt ist ein Datenökosystem eine Vernetzung von Daten, die Daten von zahlreichen Anbietern kombiniert und durch die Nutzung der verarbeiteten Informationen einen Mehrwert schafft.

Welche Potentiale bringen Datenökosysteme mit sich?

Datenökosysteme haben das Potenzial, einen signifikanten Wert zu generieren. Die Eintrittsbarrieren für den Aufbau eines Ökosystems sind jedoch in der Regel hoch, sodass Unternehmen die Landschaft und potenzielle Hindernisse, die es in Europa leider noch viel zu viele gibt, erstmal verstehen müssen.

In der Regel ist es am schwierigsten, das beste Geschäftsmodell zu finden, um Einnahmen für die Beteiligten zu erzielen und die Teilnahme sicherzustellen. Die Lösung ist in vielen Fällen Agilität. Sei es im Governance Bereich oder im dezentralen souveränen Datenaustausch.

Wo sehen Sie die Wertschöpfung aus den Daten?

Datenwert generiert sich erst durch die Verbindung von weiteren Daten, die Generierung von Informationen, indem Expertenwissen an Daten gekoppelt wird und schließlich die Vernetzung von Daten zu Wissen und Insights.

Die dabei notwendige Zusammenarbeit mit Dritten erfordert oft zusätzliche Ressourcen, wie zum Beispiel von Rechtsexperten unterstützte Verhandlungsteams, um die Zusammenarbeit mit potenziellen Partnern auszuhandeln und zu strukturieren.

Hierbei können Technologien wie Smart Contracting oder API Management entscheidend von Vorteil sein. Daten sollen einerseits also verbunden und geteilt werden, andererseits aber dezentral gespeichert und nicht aus der Hoheit des Data Owners verschwinden.

Stichwort COVID: Was ist während COVID-19 mit der Datenökonomie passiert?

Wir haben mit unseren Daten eine Ressource, die wir viel mehr und intensiver Nutzen müssen. Unter den Bedingungen, die wir haben. Auch wenn sich die Policy und Rahmenbedingungen nur schwer ändern lassen, so ist es notwendig den technischen Rahmen zu ändern und Konzepte wie Dezentralität, Agile Governance oder Souveränität einzuführen, um das Gold zu schürfen, von dem immer gesprochen wird.

COVID-19 hat diesen Trend nur noch einmal mehr beschleunigt. Doch anders als Rohstoffe im den Zeitaltern beginnend von der Bronzezeit, überlassen wir Europäer das Feld den anderen Goldschürfern und so nutzen Hyperskaler aus den USA und China das Feld der immateriellen Bodenschätze.

Wie sehen Sie die Zukunft einer deutschen und europäischen Datenstrategie?

Aktuell sind wir in Deutschland für eins gut: Datenlieferant zu sein. Wie kann es sein, dass ein marktwirtschaftlich geprägter Staat ein Ölvorkommen um jeden Preis davon abhält, vermarktet zu werden. Noch dazu verschenken wir unsere (Daten)Rohstoffe an andere Staaten und das mit unbegrenzten Zugriffsrechten. Mit der deutschen Datenstrategie oder Projekten wie GAIA-X nehmen wir die Daten Zukunft selbst in die Hand.

Herr Tschabuschnig, vielen Dank für das Interview.


Über den Interviewpartner:

Günther Tschabuschnig leitet seit 2015 als CIO den IT-Bereich der Österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Dort managed Tschabuschnig mit seinem IT-Team 100.000 Datensätze pro Minute und 20 Terrabyte Satellitendaten pro Tag.

Weiterhin ist er  Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Datenverarbeitung (ADV) Wien und „Technology Evangelist“ bei der Cooperation Open Government Data Austria. 2012 bis 2015 war als E-Government Berater im österreichischen Bundeskanzleramt tätig und wirkte erfolgreich bei der Entwicklung der Open Data Strategie Österreichs mit. 2019 wurde Günther Tschabuschnig zum Top CIO im Rahmen des 12. Confare CIO-Summit ausgezeichnet.


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Bild: Günther Tschabuschnig